Als die Erde den letzten Regen bekam, war Mara zwölf Jahre alt.
Sie erinnerte sich an den Geschmack: metallisch und warm, mit einem Hauch von Staub. Die Tropfen hatten auf dem Dach des Gewächshauses getanzt, während ihre Mutter mit beiden Händen eine Schale unter die undichte Stelle hielt.
„Nicht trinken“, hatte sie gesagt.
Mara hatte trotzdem einen Tropfen von ihrem Handgelenk geleckt.
Er schmeckte nach Himmel.
Vierzig Jahre später schwebte Mara über einem Planeten, der keinen Namen besaß.
Unter ihr lag eine Welt aus schwarzem Gestein und silbernen Seen. Die Seen bewegten sich gegen den Wind. Sie kräuselten sich in langen, konzentrischen Wellen, obwohl die Atmosphäre vollkommen still war.
„Das ist unmöglich“, sagte jemand hinter ihr.
Mara drehte sich nicht um. Sie kannte die Stimme. Jona, ihr Navigator, sprach immer dann von Unmöglichkeit, wenn er Angst hatte.
„Du bist als Navigator ungeeignet“, sagte sie.
„Und du bist als Kapitänin herzlos.“
„Das ist der Grund, warum wir noch leben.“
Hinter der Frontscheibe der Asterion flackerte eine Warnung auf:
WASSERKREISLAUF ERKANNT
ATMOSPHÄRISCHE FEUCHTIGKEIT: 0,003 %
URSACHE DER OBERFLÄCHENBEWEGUNG: UNBEKANNT
Mara legte die Hand an das Glas.
Die silbernen Seen wogten.
Dann formten sie ein Wort.
Nicht in Buchstaben. In Bewegung.
MARA.
Ihre Finger zuckten.
„Hast du das gesehen?“
Jona trat neben sie. Sein Gesicht spiegelte sich blass in der Scheibe.
„Was?“
Die Wellen glätteten sich.
„Nichts.“
Ein Signalton durchschnitt die Stille.
Im Kommunikationsraum blinkte eine rote Lampe. Mara schob sich durch den schmalen Korridor, vorbei an den Schlafkapseln und den Pflanzenmodulen, in denen künstliches Moos unter blauem Licht wuchs.
Die Menschheit hatte vor zweihundert Jahren begonnen, Sterne zu kolonisieren. Sie hatte Kuppelstädte gebaut, Monde angebohrt und Maschinen entwickelt, die Erinnerungen in künstliche Körper übertragen konnten.
Aber sie hatte nie gelernt, mit dem Schweigen umzugehen.
Das Signal kam von der Oberfläche.
Nicht über Funk. Nicht über Laser.
Es kam durch das Wasser.
Mara setzte sich an die Konsole und aktivierte die Übersetzung. Die Sensoren fingen eine Folge von Druckwellen auf, die sich durch die silbernen Seen bewegten.
Drei kurze Pulse.
Pause.
Zwei lange.
Pause.
Ein einzelner.
Jona trat hinter sie.
„Ein Code?“
Mara starrte auf die Zahlen.
„Nein.“
„Was dann?“
„Ein Lied.“
Sie wusste nicht, woher sie es wusste. Vielleicht lag es an der Form der Wellen. Vielleicht an etwas, das tiefer saß als Erinnerung.
Die ersten Töne erklangen aus den Lautsprechern.
Dumpf. Langsam. Unregelmäßig.
Mara schloss die Augen.
Und plötzlich stand sie wieder auf dem Dach des Gewächshauses, zwölf Jahre alt, mit Regen auf der Haut.
Ihre Mutter hielt die Schale unter die undichte Stelle. Die Tropfen schlugen hinein. Ein, zwei, drei.
Dann summte ihre Mutter.
Nicht richtig. Sie konnte nicht singen. Ihre Stimme war rau vom Staub, und sie traf keinen Ton.
Aber Mara kannte die Melodie.
Sie hatte sie seit achtundzwanzig Jahren nicht gehört.
„Mama“, flüsterte sie.
Jona legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Mara … deine Mutter ist seit dreißig Jahren tot.“
„Ich weiß.“
Auf der Konsole erschien eine neue Meldung:
ANTWORT ERWARTET
Mara öffnete den Kanal.
„Wer bist du?“
Die Seen unter ihnen erstarrten.
Dann kam die Antwort – nicht als Satz, sondern als Bild, das sich in Worte zwang, ungelenk, als würde jemand eine fremde Sprache zum ersten Mal benutzen:
ICH. WAR VOR DEM DURST. ICH BIN, WAS BLIEB, ALS IHR GINGT.
Jona wich zurück. „Das ist keine Übersetzung. Das ist eine Interpretation.“
„Dann interpretier weiter.“
Die Stimme sprach aus allen Lautsprechern zugleich. Sie war nicht menschlich und doch voller menschlicher Fehler: Atempausen, ein Zittern, ein kaum hörbares Schlucken – als hätte sie das Sprechen von den Toten gelernt, die sie in sich trug.
IHR HABT DEN REGEN MITGENOMMEN.
IHR HABT DIE MEERE VERGESSEN.
IHR HABT EUCH SELBST VERGESSEN.
Mara sah auf die Instrumente. Die Temperatur unter ihnen sank.
„Was willst du?“
Eine lange Pause.
DICH.
Jona riss den Notfallhebel herunter. „Wir verlassen den Orbit.“
„Jona—“
„Ich hab dich gewarnt. Vor zwei Jahren, auf Kepler-9, hab ich dich gewarnt, und du hast nicht gehört. Diesmal höre ich nicht auf dich.“
Die Triebwerke zündeten. Der Boden vibrierte. Die silbernen Seen rissen auf, als würde etwas von unten gegen ihre Oberfläche schlagen.
Mara blieb sitzen.
Unter der Asterion bildete sich ein Kreis. Das Wasser stieg in die Luft, ohne zu verdampfen, ohne zu fallen. Eine gewaltige Säule aus flüssigem Metall wuchs dem Schiff entgegen, schneller, als die Triebwerke Höhe gewinnen konnten.
Ein Warnton. Dann ein zweiter.
HÜLLENINTEGRITÄT: 74 %
„Mara, wenn du irgendetwas tun kannst, tu es jetzt.“
Sie legte beide Hände auf die Konsole.
„Hör auf.“
Nichts geschah. Die Säule wuchs weiter.
„Es hört dich nicht“, schrie Jona über das Dröhnen der Alarme. „Es will nicht reden, Mara, es will dich!“
Sie schloss die Augen und ließ, zum ersten Mal seit achtundzwanzig Jahren, die Melodie ihrer Mutter zurückklingen — nicht als Erinnerung, sondern als Antwort.
Das Wasser hielt inne. Einen Atemzug lang.
Dann sank die Säule, langsam, widerwillig, wie eine Hand, die sich erst nach langem Zögern öffnet.
Jona starrte sie an, die Hand noch auf dem Notfallhebel. „Warum hört es auf dich?“
Mara wusste es nicht. Doch in ihrem Kopf erschien ein Bild: ein dunkler Planet, lange bevor Menschen ihn betreten hatten. Unter der Kruste schlief ein Ozean, älter als jede Sonne, und wartete.
Nicht auf Menschen.
Auf Erinnerung.
Eine weitere Nachricht erschien:
BRINGT UNS DEN REGEN ZURÜCK.
Mara lachte einmal. Leise und ohne Freude.
„Wir haben keinen Regen mehr.“
DOCH. IN EUCH.
„Mara, nein.“ Jona stand jetzt zwischen ihr und der Schleuse, als könnte er sie mit dem eigenen Körper aufhalten. „Was auch immer das ist – es hat gerade versucht, uns zu zerdrücken. Du gehst da nicht raus.“
„Es hatte Angst.“
„Es hatte Angst? Mara, es ist ein Ozean.“
„Genau deshalb.“
Sie sah ihn an, und zum ersten Mal seit Jahren ließ sie etwas von der Härte fallen, die er ihr vorwarf.
„Wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin, geht ihr ohne mich. Das ist ein Befehl, kein Vorschlag.“
„Ich werde nicht—“
„Jona.“
Er schwieg. Dann nickte er, einmal, kaum sichtbar, und trat zur Seite.
Die Schleusen öffneten sich.
Eisige Luft strömte herein. Mara trat hinaus, ohne sich noch einmal umzudrehen — sie wusste, wenn sie sein Gesicht sah, würde sie es nicht tun.
Das Wasser trug sie.
Es war nicht kalt. Es fühlte sich an wie eine Hand auf ihrer Stirn.
Unter ihr verschwand die Asterion in einer silbernen Welle. Sie hörte Jona ihren Namen rufen, bis der Ton brach — und dann hörte sie nichts mehr.
Jona blieb allein zurück.
Sieben Stunden lang saß er an der Konsole, während draußen nichts geschah als ein Meer, das leise atmete. Er sprach mit niemandem, denn es gab niemanden mehr, mit dem er sprechen konnte. Zweimal aktivierte er die Notfallprotokolle. Zweimal deaktivierte er sie wieder, die Hand auf dem Schalter, unfähig, den letzten Schritt zu tun.
Er dachte an Kepler-9, an die Warnung, die er ihr damals gegeben hatte und die sie ignoriert hatte, und daran, dass sie beide noch lebten, weil sie das immer tat. Er dachte daran, dass er sie einmal herzlos genannt hatte und dass das, was jetzt am schwersten wog, nicht ihre Härte war, sondern wie leicht sie sich davon gelöst hatte, in dem Moment, in dem es zählte.
In der sechsten Stunde begann er zu weinen, kurz und wütend, und schämte sich dafür vor niemandem.
In der siebten Stunde begann es zu regnen — auf einem Schiff, im Vakuum, wo kein Regen fallen konnte. Ein feiner Nebel bildete sich im Inneren der Asterion, kondensierte an den kalten Wänden, tropfte von der Decke der Kommandobrücke.
Er hielt die Hand darunter, wie ein Kind.
Durch das Wasser hindurch sah Mara Dinge, die keine Augen sehen konnten: Städte unter Kuppeln, Kinder in künstlichen Wäldern, ausgetrocknete Flüsse, die wie Narben über die Erde liefen.
Dann sah sie ihre Mutter.
Nicht als Geist. Nicht als Kopie.
Als Erinnerung, unscharf an den Rändern, so wie Erinnerungen sind, wenn man sie zu oft angefasst hat.
Sie stand im alten Gewächshaus und hielt die Schale unter das Dach.
„Man darf den Regen nicht besitzen“, sagte sie. „Man muss ihn weitergeben.“
Mara verstand.
Die Kolonien hatten das Wasser in Tanks gespeichert. Sie hatten es rationiert, verkauft, bewacht. Sie hatten die letzten Wolken eingefangen und in Orbitreservoirs verwandelt.
Doch der Regen war nie für einen Ort bestimmt gewesen.
Er war ein Kreislauf.
Ein Versprechen.
Mara streckte die Hand aus.
Etwas öffnete sich in ihrer Brust.
Kein Schmerz. Eher eine Tür — und wie jede Tür ließ sie nicht nur etwas herein, sondern auch etwas hinaus.
Aus den Datenströmen der Asterion, aus ihrem Gedächtnis, aus den Archiven der Menschheit begann Wasser zu fließen – nicht als Flüssigkeit, sondern als Information: jeder Tropfen, der jemals gefallen war; jeder Bach, jedes Meer, jeder Regentag an Fenstern; der Duft nasser Erde, das Prasseln auf Blechdächern, Kinder, die in Pfützen sprangen.
Und mit ihnen floss auch das, was Mara am längsten festgehalten hatte: das Gesicht ihrer Mutter, so genau, dass sie es fast berühren konnte. Die Melodie. Der Geschmack des letzten Tropfens.
Der Planet nahm alles auf.
Als das Fließen endete, tastete Mara nach dem Bild ihrer Mutter — und fand nur noch die Form, in der es einmal gewesen war. Wie eine Schale, aus der das Wasser genommen wurde: die Umrisse blieben, aber sie hielt nichts mehr fest.
Sie wusste, es würde nie wieder so scharf sein wie zuvor.
Sie ließ es trotzdem los.
Die silbernen Seen wurden durchsichtig.
Darunter lag ein blauer Ozean.
So tief, dass kein Licht ihn erreichte.
So groß, dass der Planet selbst nur eine dünne Schale um ihn war.
Die Stimme sprach ein letztes Mal — und zum ersten Mal klang sie nicht fremd, sondern müde, wie jemand, der lange wach war:
JETZT ERINNERT IHR EUCH. JETZT ERINNERE ICH MICH NICHT MEHR ALLEIN.
Mara öffnete die Augen.
Sie lag auf dem Boden der Asterion. Jona kniete neben ihr, die Kleidung nass, das Gesicht rot vom Weinen oder vom Warten, sie konnte es nicht unterscheiden. Das Schiff befand sich wieder im Orbit.
Auf den Anzeigen blinkten keine Warnungen mehr.
Stattdessen stand dort:
NIEDERSCHLAG IM SYSTEM ERKANNT
Jona half ihr auf und hielt sie einen Moment länger fest, als nötig gewesen wäre.
„Wie lange warst du weg?“
Mara sah aus dem Fenster.
Über dem schwarzen Planeten zogen sich Wolken zusammen. Erst wenige, dünne Streifen. Dann ganze Gebirge aus Grau und Blau.
„Nicht lange.“
„Du warst sieben Stunden bewusstlos. Ich dachte …“ Er brach ab.
„Ich weiß, was du dachtest.“
Sie versuchte, sich das Gesicht ihrer Mutter vorzustellen, und fand es dort, wo es immer gewesen war – aber wie durch beschlagenes Glas, die Konturen weich, ein Teil davon nicht mehr abrufbar. Der Klang der Melodie war noch da. Die Worte, die ihre Mutter am Ende gesagt hatte, waren es nicht mehr.
Es tat mehr weh, als sie erwartet hatte, und weniger, als sie befürchtet hatte.
Ein Tropfen löste sich von der Außenseite des Schiffes. Er glitt über das Glas, fing das Sternenlicht ein und zerplatzte.
Mara hob den Finger an die Scheibe.
Diesmal schmeckte sie nicht daran.
Sie ließ den Tropfen weiterziehen.
Am nächsten Morgen begann es auf der Erde zu regnen.
Zuerst in den verlassenen Wüsten von Afrika.
Dann über den verdorrten Ebenen Asiens.
Dann auf den Dächern der letzten Städte.
Menschen traten aus Bunkern und Kuppeln. Sie blickten nach oben, als hätte der Himmel ihnen etwas zurückgegeben, das sie längst vergessen hatten.
Mara sah es sich nicht auf den Schirmen an. Sie stand auf der Brücke, die Hand auf der kalten Scheibe, und dachte an eine Melodie, deren Text sie nicht mehr singen konnte — nur noch die Melodie selbst.
Das musste reichen.
Und irgendwo, viele Lichtjahre entfernt, bewegten sich die silbernen Seen im Takt einer alten, geteilten Melodie.
Drei kurze Wellen.
Zwei lange.
Eine einzelne.
Kein Abschied.
Eine Antwort.