● EINGEHENDE TRANSMISSION

Das Gedächtnis der Asche

I. Was übrig blieb

Der Geigenzähler tickte wie ein müdes Herz.

Mara hatte das Gerät so oft gehört, dass sie aufgehört hatte, die Klicks zu zählen. 0,4 Mikrosievert. Tolerierbar. So hieß es in den alten Handbbüchern, die die Ältesten im Bunker wie Reliquien aufbewahrten — in Plastikfolien eingeschweißt, als wären sie heilige Schriften. Vielleicht waren sie das.

Sie stand auf dem Dach von Gebäude 7 und schaute nach Norden.

Der Himmel über dem, was einmal Hamburg gewesen war, hatte seit drei Jahren diese eigentümliche Färbung: ein gedämpftes Orange am Horizont, als ginge dort immer eine Sonne unter, die niemand sehen konnte. Wissenschaftler in den tiefer gelegenen Ebenen des Bunkers nannten es Rußstreuung in der Stratosphäre. Die Kinder nannten es den Ewigen Abend.

Mara zog den Kragen ihres Mantels hoch und dachte an ihren Vater.

Er hatte den Krieg noch erlebt — die echten zwölf Stunden, die alles verändert hatten. Nicht einen großen Knall, hatte er ihr erzählt. Keine dramatische Explosion, die man im Kino erwarten würde. Nur Meldungen, eine nach der anderen, jede schlimmer als die vorige, und dann ein Licht im Süden, das heller war als jede Mittagssonne, und dann — Stille. Eine Stille, die lauter war als jedes Geräusch, das er je gehört hatte.

Er war fünf Wochen später gestorben. Nicht an Strahlung. An einer Lungenentzündung, weil die Antibiotika im Bunker zur Neige gegangen waren.

Das war das Gemeinste am Ende der Welt, dachte Mara. Nicht die Bomben. Die Lungenentzündungen danach.


II. Die Stimme im Rauschen

Es war Doktor Fenner, der alles veränderte.

Er war ein kleiner Mann mit schlechter Haltung und einer Brille, deren eines Glas seit zwei Jahren gesprungen war. Er hatte keine Zeit gehabt, sich um eine neue zu kümmern — er war damit beschäftigt gewesen, das Funksignal zu entschlüsseln.

„Mara.“ Er stand in ihrer Tür, die Arme voller Ausdrucke. „Du musst das sehen.“

Sie folgten dem Signal bis in den Kommunikationsraum, tief in Ebene 4, wo die alten Militärrechner liefen — hungrige Maschinen, die mehr Strom verbrauchten als der Rest des Bunkers zusammen. Fenner breitete die Ausdrucke auf dem Tisch aus.

„Es kommt aus Orbit 3.“

Mara starrte ihn an. „Da ist nichts mehr im Orbit.“

„Das dachten wir.“ Er schob ihr einen Ausdruck hin. „Dieser Satellit wurde im März 2019 gestartet. Ein ESA-Forschungsprojekt. Er war nicht mit den Systemen verbunden, die… abgeschalten wurden. Er hat einfach weiter gesendet.“ Fenner lächelte — ein seltsames, gebrochenes Lächeln. „Er sendet immer noch. Und jetzt antwortet jemand.“

„Wer?“

„Das ist die Frage.“ Er legte einen weiteren Ausdruck auf den Tisch. Auf dem Papier standen Koordinaten. „Die Signalquelle liegt in Sibirien. 68 Grad Nord, 97 Grad Ost. Mitten im Nirgendwo.“ Er pausierte. „Oder in dem, was wir für Nirgendwo hielten.“


III. Die Reise

Sie fuhren mit drei Fahrzeugen los, zwölf Menschen.

Die Welt draußen war nicht tot — das überraschte Mara jedes Mal neu. Sie hatte den Tod erwartet, Grau und Schweigen und verbrannte Erde bis zum Horizont. Stattdessen: zähes Leben überall. Birken, die durch Asphalt brachen. Füchse, die in eingestürzten Supermärkten hausten. Ein Schwarm Stare, der über eine Autobahnruine fegte wie eine schwarze Welle.

Die Natur hatte nicht auf die Menschen gewartet.

In Polen übernachteten sie in einer Schule. Jemand hatte an die Tafel im Klassenzimmer geschrieben, vor langer Zeit, in kindlicher Handschrift:

Wir kommen wieder.

Mara schlief schlecht.

Hinter Minsk veränderte sich die Landschaft. Hier hatte es Treffer gegeben — echte, direkte Treffer. Die Bäume standen wie verkohlte Finger in den Himmel, manche noch immer leicht nach Westen geneigt, als hätte ein gigantischer Wind sie gebogen und dort gelassen. Sie fuhren langsam, die Geigenzähler auf dem Armaturenbrett, und niemand sprach.

In Krasnojarsk fanden sie andere.


IV. Die anderen

Es waren vielleicht tausend Menschen, vielleicht mehr.

Sie lebten in einer alten Industrieanlage, die sie umgebaut hatten mit einer Geduld und Präzision, die Mara den Atem verschlug. Gewächshäuser aus Plastikplane und recyceltem Glas. Windunräder aus Fahrzeugteilen. Ein Krankenhaus in der ehemaligen Maschinenhalle, sauber und geordnet, mit echten Betten und einem Generator, der schnurrte wie eine Katze.

Ihre Anführerin hieß Sascha, war vielleicht fünfzig, hatte weiße Haare und die Augen einer Person, die lange aufgehört hatte, sich Dinge zu wünschen, die sie nicht bekommen konnte.

„Wir haben auf euch gewartet“, sagte sie auf Englisch, der gemeinsamen Sprache, die übrig geblieben war.

„Den Satelliten habt ihr gefunden“, sagte Mara.

„Wir haben ihn gesucht.“ Sascha führte sie durch die Anlage, die Hände hinter dem Rücken. „Nach dem Krieg haben die Überlebenden hier kommuniziert wie immer: zu laut, zu chaotisch, alle gleichzeitig. Wir haben drei Jahre damit verbracht, zuzuhören. Zu kartografieren, wer noch da ist.“

Sie blieb vor einer großen Karte stehen, die eine ganze Wand bedeckte. Handgezeichnet, mit winzigen Markierungen in Dutzenden Farben.

Mara trat näher.

Die Markierungen zeigten Siedlungen. Überlebende. In Europa, in Asien, in Teilen Afrikas und Südamerikas. Hunderte davon. Vielleicht Tausende.

„Wie viele?“, fragte sie.

„Wir wissen es nicht genau.“ Sascha legte eine Hand auf die Karte. „Aber genug.“

Mara schluckte. Sie hatte nicht gewusst, dass dieses Wort sie so treffen würde.

Genug.


V. Was Fenner entdeckte

In der dritten Nacht, als die anderen schliefen, fand Doktor Fenner in der Bibliothek der Anlage — einer Sammlung von Festplatten und Ausdrucken in Ordnern — etwas, das ihn nicht schlafen ließ.

Er kam zu Mara, und diesmal hielt er keine Ausdrucke in der Hand. Er sah nur aus, als hätte er geweint, was er nicht hatte, weil Fenner nie weinte.

„Die Klimadaten“, sagte er. „Ich habe die Klimadaten gesehen.“

„Und?“

Er setzte sich. „Der Nuklearer Winter ist schwächer als die schlimmsten Modelle. Deutlich schwächer. Die Stratosphäre klärt sich schneller als berechnet.“ Er rieb sich das Gesicht. „Mara — in zwanzig Jahren könnte man wieder Weizen anbauen. In dreißig vielleicht wieder in großem Stil. Die Ozeane sind belastet, aber nicht tot. Die Biodiversität…“

„Fenner.“

Er sah sie an.

„Sag mir einfach: Wie schlimm?“

Er überlegte lange. „Schlimmer als alles, was je passiert ist“, sagte er schließlich. „Und besser als das, was hätte passieren können.“ Er schaute auf seine Hände. „Wir haben acht Milliarden Menschen verloren. Das ist eine Zahl, die ich nicht wirklich denken kann. Aber die, die übrig sind — und es sind viele, Mara, viele mehr als wir dachten — die haben eine Chance.“

Sie schwiegen eine Weile.

Draußen heulte der Wind durch die sibirische Ebene.

„Was machen wir damit?“, fragte Mara.

„Wir bauen etwas“, sagte Fenner. Und zum ersten Mal seit langer Zeit klang er nicht wie ein müder Wissenschaftler. Er klang wie ein Mensch, der morgen früh aufstehen will. „Etwas anderes diesmal, hoffentlich. Oder dasselbe — aber mit dem Wissen, wohin es führt.“


VI. Der Morgen danach

Am nächsten Tag saßen sie alle zusammen: Saschas Leute und Maras Leute, zwölf und tausend, und sprachen. Nicht über Protokolle oder Hierarchien. Über Saatgut und Solarmodule und Schulen. Über einen Kurier, den man losschicken konnte nach Westen. Über ein Funknetz, das man aufbauen könnte, Knoten für Knoten, über den ganzen zerstörten Kontinent.

Über die Karte.

Mara stand lange davor und schaute auf die kleinen farbigen Markierungen.

Irgendwo in Schottland, las sie. Irgendwo in der Türkei. In Tansania. In Kolumbien. In Japan — tatsächlich in Japan, obwohl sie nicht gewusst hatte, ob dort noch irgendetwas stand.

Menschen. Überall Menschen.

Sie dachte an die Aufschrift auf der Tafel in der polnischen Schule.

Wir kommen wieder.

Das Kind, das das geschrieben hatte, war vielleicht tot. Wahrscheinlich. Die Chancen standen nicht gut für Kinder in den ersten Wochen. Aber irgendwo, auf einer anderen Tafel, in einem anderen Land, schrieb vielleicht gerade ein anderes Kind dieselben Worte.

Mara legte die Hand auf die Karte. Auf Westeuropa, auf den kleinen Punkt, der ihr Bunker war.

Dann nahm sie einen Stift.

Und begann, neue Markierungen einzutragen.


„Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte eines Tiers, das immer wieder vergisst, was es gelernt hat — und immer wieder lernt, was es vergessen hatte. Das macht uns nicht groß. Aber es hält uns am Leben.„

— Aus den Notizen von Dr. H. Fenner, Sibirien, Jahr 4 nach dem Krieg